ÜBER GRENZEN GEHEN
2009 – 2010
(mit einem Vorwort von Antje Schunke)
Der Kurs, der im Herbst 2009 mit fast 20 Teilnehmern startete, war schon nach dem 1. Semester auf Zweidrittel zusammen geschrumpft, und am Ende – nach knapp einem Jahr Kursdauer – waren noch 11 Fotografinnen und Fotografen dabei. Fast 50% Kursabbrecher, das sagt viel über die Schwierigkeit, sich einem Thema wie diesem zu stellen, es zu bearbeiten und sich am Ende mit seiner Arbeit der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Was heißt es eigentlich, fotografisch über Grenzen zu gehen? - Ganz allgemein heißt das einfach, eingefahrene Wege zu verlassen, gängige Sichtweisen oder Anschauungen zu überwinden und dafür neue Perspektiven anzubieten. Auf eine sehr lebensnahe Weise könnte es auch heißen, reale Grenzen zu verlassen oder zu überschreiten, wie das etwa bei Landesgrenzen der Fall ist, exemplarisch wäre hier das Ost- West-Thema, das mit dem 20-jährigen Mauerfall im Jahre 2009 ein wahres Themenfeuerwerk entfachte.
In einem weiteren Sinne könnte es aber auch heißen, kulturelle Grenzen zu überwinden und interkulturelle Themen in Bilder zu übersetzen. Politisch betrachtet, wäre bereits das Sich–Widersetzen ein Aspekt der Grenzüberschreitung, wie dies beispielsweise im Widerstand gegen gesellschaftliche Konventionen der Fall ist. Im medialen Kontext könnte „Über Grenzen gehen“ bedeuten, aktuelle künstlerische Trends zu durchbrechen, oder aber die medialen Grenzen der Fotografie neu auszuloten. Und was läge bei diesem Thema nicht näher als die Bedienung des Voyeuristischen, der Paparazzi-, Sensations- oder auch der Schockfotografie, Grenzbereiche, die dem Medium auf fast natürliche Weise innewohnen?
Bleibt der schwierigste Aspekt der Grenzüberschreitung, nämlich der psychologische. Derjenige, der überhaupt erst darüber entscheidet, ob jemand dazu in der Lage ist, Grenzen zu überschreiten, seine eigenen inneren Blockierungen, Barrieren, Ängste zu überwinden, über seinen Schatten zu springen. Es mag einfach sein, einen Schlagbaum zu zeigen, der zwei Länder trennt, oder einen Flughafen, der per se ein Ort der Grenzüberschreitung ist. Aber zu zeigen, welche Ängste, Barrieren, Grenzen ich habe und diese auch noch adäquat darzustellen, ist sicherlich kein leichtes Unterfangen. Hier mag der Ursprung des eingangs beschriebenen Phänomens der vielen Abbrecher liegen.
Das Thema war wirklich nicht einfach, und wir haben es uns auch nicht einfach gemacht. Und zum Schluss kann ich sagen, dass alle verbliebenen Fotografinnen und Fotografen es geschafft haben, ihre individuellen Grenzen zu überschreiten, mal auf ästhetische, mal auf poetische, mal auf dokumentarische, doch immer auf sehr persönliche und sehr ehrliche Weise.
Ich danke allen, dass sie durchgehalten haben und mit ihrem Beitrag eine intensive thematische Ausstellung und einen hoffentlich gelungenen Katalog produziert haben. Ich danke ferner Peter Held, der als unermüdlicher Mentor der fotografischen Abteilung der VHS Friedrichshain- Kreuzberg uns jede erdenkliche Unterstützung zukommen ließ, und vor allem auch Antje Schunke für ihre Beiträge zu diesen sicher nicht einfachen Themen.
Last but not least sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Kurs zu mehr als 50% von ausländischen Teilnehmern belegt war. Erika Babatz kommt aus Mexiko, Adrian Hughes aus Irland, Lena Kilkka aus den USA, Fang Kong aus China, Anna Pawlowska aus Polen, und Simona Vinati aus Italien. Gelebte Grenzüberschreitung sozusagen, für die die Volkshochschulen in Deutschland als Bildungseinrichtung ein weltweit einzigartiges Modell darstellen und gerade deshalb für Menschen aus anderen Ländern und Kontinenten ein äußerst attraktives Lehrangebot sind.
Peter Fischer-Piel, im September 2010
